Peter Leo Reichertz
Peter Leo Reichertz (*20. September 1930; †6. August 1987), eigentlich Hermann Leo-Peter Reichertz, war ein Pionier der Medizinischen Informatik und trug maßgeblich zur Entwicklung dieses damals neuen Fachgebiets in seinen Anfängen bei [r01], [r02], [r03], [r04].

Foto aus dem Peter L. Reichertz Archiv des PLRI, die Aufnahme entstand in den 1970er Jahren
Biographie
Peter Leo Reichertz wurde in Speicher (Eifel) geboren. Zu den wichtigsten Stationen seines Lebens gehören [r05], [r06]:
-1949: Abitur in Trier.
-1955: Studium der Medizin, Mathematik und Physik. Abschluss des Medizinstudiums mit dem Staatsexamen sowie Promotion zum Dr. med. an der Universität Bonn.
-1956–1966: Arzt an der Medizinischen Poliklinik der Universität Bonn.
-1964: Habilitation im Fach Innere Medizin.
-1965–1966: Leitender Arzt.
-1967–1969: Associate Professor und Direktor der Abteilung Radiology Computer Research an der University of Missouri (USA).
-1969–1987: Professor (bis 1972 außerplanmäßiger Professor, anschließend ordentlicher Professor) und Direktor an der Medizinischen Hochschule Hannover.
-1974: Umbenennung des Instituts in „Medizinische Informatik“ (zuvor „Klinische Datenverarbeitung und Dokumentation“).
Bereits während seines Mathematik- und Physikstudiums kam Reichertz früh mit Computern und der Programmiersprache FORTRAN in Berührung.
Wissenschaftliches Wirken
Professor Peter L. Reichertz erkannte schon sehr früh das Potenzial von Computern für Medizin und Gesundheitswesen.
Bereits Anfang der 1960er Jahre verstand er Informations- und Kommunikationstechnologien sowie Methoden der Informationsverarbeitung nicht lediglich als weitere technische Hilfsmittel – vergleichbar mit Mikroskopen oder Ultraschallgeräten –, sondern als Grundlage einer grundlegenden Veränderung aller Bereiche der Biomedizin und Gesundheitsversorgung. Seine Vision umfasste die nachhaltige Transformation von Forschung, Lehre und Patientenversorgung durch die Informatik [r06].
Mit seiner Berufung an die Medizinische Hochschule Hannover erhielt er die Möglichkeit, gemeinsam mit seinem Team eines der weltweit ersten integrierten rechnergestützten Krankenhausinformationssysteme aufzubauen. Dieses umfasste unter anderem ein zentrales mikrofilmgestütztes Krankenaktenarchiv, eine umfassende Patientendatenbank sowie die Integration administrativer Krankenhaus-, Labor- und Dokumentationssysteme.
Dieses Medizinische System Hannover (MSH) entwickelte sich zu einem richtungsweisenden Modell moderner Krankenhausinformationssysteme und beeinflusste die digitale Patientenversorgung von den späten 1960er- bis in die 1980er-Jahre maßgeblich [r04], [r07].
Peter L. Reichertz prägte außerdem den Begriff „Medizinische Informatik“, der in Deutschland die bis dahin gebräuchliche Bezeichnung „Medizinische Dokumentation und Datenverarbeitung“ ersetzte. Ebenso förderte er international die Etablierung des englischen Begriffs Medical Informatics anstelle von Medical Computer Science [r04].
Darüber hinaus leistete er bedeutende Beiträge zur medizinischen Ausbildung sowie zur Ausbildung in der Medizinischen Informatik in Deutschland. Seine Konzepte beeinflussten die internationale Entwicklung der Ausbildung im Bereich Health und Medical Informatics nachhaltig [r09].
Ehrungen und Funktionen
- 1970–1987: Mitglied des Herausgeberkollegiums der Fachzeitschrift Methods of Information in Medicine
- 1975–1977: Präsident der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS) (GMDS)
- 1976–1987: Mitherausgeber der Springer-Buchreihe Medizinische Informatik und Statistik
- 1977–1981: Gründungspräsident der European Federation for Medical Informatics (EFMI) (EFMI)
- 1978–1987: Mitherausgeber der Springer-Reihe Lecture Notes in Medical Informatics
- 1983–1987: Gründungspräsident des Berufsverbandes Medizinischer Informatiker (BVMI) (BVMI)
- 1988: Vorgesehener Chefredakteur der Fachzeitschrift Methods of Information in Medicine. Dieses Amt konnte er aufgrund seines frühen Todes nicht mehr antreten.
Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik
Im Jahr 2007 wurde das Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik (PLRI) gegründet. Es vereint die zuvor eigenständigen Institute für Medizinische Informatik der Technischen Universität Braunschweig und der Medizinischen Hochschule Hannover zu einem gemeinsamen regionalen Exzellenzzentrum der Medizinischen Informatik.
Mit der Benennung des Instituts ehrten beide Hochschulen Professor Reichertz als einen der bedeutendsten Pioniere der Medizinischen Informatik weltweit [r06]
Heute beschäftigt das PLRI rund 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und zählt zu den führenden Zentren der Medizinischen Informatik in Deutschland.
Im Jahr 2019 richtete das PLRI die EFMI Special Topic Conference (STC) aus. Aus diesem Anlass wurde zugleich das 50-jährige Jubiläum der Forschung in der Medizinischen Informatik in Deutschland mit einem Peter-L.-Reichertz-Symposium sowie einem einmalig vergebenen EFMI Young Scientist Prize gefeiert.

Foto aus dem Peter L. Reichertz Archiv des PLRI, die Aufnahme entstand in den 1970er Jahren
Veröffentlichungen
Ein vollständiges Verzeichnis der wissenschaftlichen Veröffentlichungen von Peter L. Reichertz findet sich in [r06].
Besonders empfehlenswert sind folgende Arbeiten:
- Konzepte der Medizin und Informatik. Eine Einführung in die Medizinische Informatik (1981) [r10]
- Hospital Information Systems – Past, Present, Future (1984) [r11]
- Preparing for Change: Concepts and Education in Medical Informatics (1987) [r12]
Literaturverzeichnis
[r01] Wagner GA, Lindberg DA. In memoriam Peter L. Reichertz. Methods Inf Med. 1987; 26: 179-182.
[r02] Orthner HF, Harris DK. Prof. Dr. med. Peter L. Reichertz: *20 September 1930 †6 August 1987 who dedicated most of his energies to the education and science of medical informatics. Comput Methods Programs Biomed. 1987; 25: 69.
[r03] van Bemmel JH. Decision support in medicine. Comparative methodology and impact on the medical curriculum. In Rienhoff O, Piccolo U, Schneider B, editors. Expert systems and decision support in medicine. 33rd Annual Meeting of the GMDS, EFMI Special Topic Meeting, Peter L. Reichertz Memorial Conference. Hannover, September 1988. Berlin: Springer; 1988, 3-19.
[r04] Moehr JR. Peter L. Reichertz in Hannover. Forum der Medizin_Informatik und Medizin_Dokumentation 2009: 101-104.
[r05] Reichertz PL. Curriculum vitae, English version. Peter L. Reichertz Archive at PLRI.
[r06] Haux R. Analysing the scientific publications of Peter Reichertz: Reflections from the perspective of medical informatics knowledge today. J Med Syst. 2019; 44: 23.
[r07] Reichertz PL, editor. Das Medizinische System Hannover (MSH) [The Medical System Hannover (MSH)]. IBM Form-Nr. F12-1054. Hannover Medical School; 1972.
[r08] McCray AT, Gefeller O, Aronsky D, Leong TY, Sarkar IN, Bergemann D, Lindberg DA, van Bemmel JH, Haux R. The birth and evolution of a discipline devoted to information in biomedicine and health care. As reflected in its longest running journal. Methods Inf Med. 2011; 50: 491-507.
[r09] Moehr JR. The quest for identity of health informatics and for guidance to education in it – the German Reisensburg conference of 1973 revisited. IMIA Yearb Med Inform. 2004: 201-210.
[r10] Reichertz PL. Konzepte der Medizin und Informatik. Eine Einführung in die Medizinische Informatik [Concepts of medicine and computer science. An introduction to medical informatics]. Manuscript, 1981. Peter L. Reichertz Archive at PLRI.
[r11] Reichertz PL. Hospital information systems - past, present, future. Int J Med Inform. 2006; 75: 282-299.
[r12] Reichertz PL. Preparing for change: concepts and education in medical informatics. Comput Methods Programs Biomed. 1987; 25: 89-101.
Externe Links
[link BVMI] https://bvmi.de
[link EFMI] https://efmi.org
[link GMDS] https://www.gmds.de
[link MHH] https://www.mhh.de
[link PLRI] https://www.plri.de
[link TUBS] https://www.tu-braunschweig.de
L1 https://stc2019.plri.de/program/peter-l-reichertz-anniversary
L2 https://stc2019.plri.de/program/young-scientist-price


